Aus der Geschichte unserer Stadt Schloß Holte-Stukenbrock; Folge 4: 1933 – 2008; „75 Jahre” Jugendheim St. Michael Stukenbrock

In den Jahren 1929 bis 1935 wirkte in Stukenbrock Vikar Johannes Westerbarkey, ein gebürtiger Bauernsohn aus Avenwedde. Nach seinem Studium in Paderborn und Freiburg wurde Johannes Westerbarkey als 24-jähriger am 16. März 1927 im Dom zu Paderborn zum Priester geweiht. Seine erste Predigt hier in Stukenbrock war eine Bettelpredigt. Es ging damals um die Anschaffung einer Heizung für die Pfarrkirche. Die Gläubigen, manche hatten kilometerweite Wege zurückzulegen, sollten wenigstens im Winter eine warme Kirche vorfinden. Die Kollekte brachte soviel Geld ein, dass davon sogar noch eine elektrische Beleuchtung angeschafft werden konnte. Vikar Johannes Westerbarkey geriet öfter mit den Nazis in Konflikt. Wenn seine Mutter ihn zur Vorsicht mahnte, soll er geantwortet haben: „Wenn Johannes der Täufer vorsichtiger gewesen wäre, könnte er seinen Kopf heute noch haben“. Johannes Westerbarkey trat später dem Jesuitenorden bei. Er gründete die „Anton-Heinen-Gesellschaft für Volksbildung auf dem katholischen Lande“. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Westerbarkey schwer erkrankt im Hause Sentmaring in Münster, einer Ordensfiliale des Jesuitenordens. Nach der Zerstörung durch Bomben im letzten Weltkrieg hatte er auch am Wiederaufbau dieses Hauses mitgewirkt.
Johannes Westerbarkey wurde 73 Jahre alt und verstarb an seinem Geburtstag am 17. April 1975. Seinem zielstrebigen Handeln haben wir auch den Bau des katholischen Jugendhauses „St. Michael“ in Stukenbrock zu verdanken. Knapp ein Jahr nach der Grundsteinlegung am 18.September 1932 erhielt das Jugendhaus „St. Michael“ am 30. Juli 1933 die kirchliche Weihe und wird in diesem Jahre nun 75 Jahre alt. Der Bau des Hauses wurde damals ermöglicht durch freiwillige, unentgeltliche Arbeitsleistung der Maurer und Zimmerleute. Vikar Westerbarkey verstand es, viele damals arbeitslose Stukenbrocker für diese Aufgabe zu gewinnen. Es gab einen „Verein der Freunde und Förderer des Jugendhauses St. Michael“, der das Bauvorhaben finanziell unterstützte. In den Räumen des neuen Jugendhauses entwickelte sich reges Jugendleben. Doch sollte dies nur von kurzer Dauer sein. Nach der sogenannten Machtübernahme durch Adolf Hitler im Jahre 1933 wurde durch die Verfügung des Reichspräsidenten „Zum Schutz von Volk und Staat“ erreicht, dass die katholische Jugend ihr neues Heim nur noch zu rein religiösen Veranstaltungen benutzen durfte. Durch Verbote und Verfügungen von Seiten der NSDAP (National-Sozialistische-Deutsche-Arbeiter-Partei) und durch die Aktivierung der Hitlerjugend-Organisation war es den katholischen Jugendlichen schließlich unmöglich gemacht, ihr Heim überhaupt noch zu benutzen. Bei Nacht und Nebel wurde das Jugendbanner von Stukenbrocker-Nazis vom Dach des Hauses geholt und zerrissen. Nach Ende des Krieges und der Naziherrschaft wurden die Reste des zerrissenen Banners in ein neues Banner der katholischen Mannesjugend übernommen. Im Jahre 1940 wurde das Jugendheim von der NSDAP beschlagnahmt und der große Versammlungsraum versiegelt. Die Versammlungen der Katholischen Jugend fanden nunmehr in der Pfarrkirche statt. Häufig gab es Auseinandersetzungen mit der Hitlerjugendführung. In diesem Zusammenhang darf erwähnt werden, dass der damalige Pfarrer von Stukenbrock, Dechant Otto Hesse und Vikar Heinrich Huckschlag zur Gestapo (Geheime Staatspolizei) nach Paderborn vorgeladen wurden und dort Rede und Antwort zu stehen hatten. Beide kamen mit einer Verwarnung noch glimpflich davon. Dechant Hesse musste zusätzlich 300,- Reichsmark Sicherungsgeld bezahlen. In dieser schweren Zeit wurde das Jugendheim mit einer Scheinhypothek belegt und von der Kirchengemeinde als Pfarrheim übernommen. Es sollte dadurch vor weiteren Zugriffen durch die NSDAP in Schutz genommen werden. Ein von der Kirchengemeinde bestellter Hausmeister (Otto Schüler) konnte im Pfarrheim seine Wohnung nehmen und dort auch wohnen bleiben, obwohl von der NSDAP bereits ein anderer Hausmeister vorgesehen war. Der geschickten Diplomatie des Herrn Schüler war es zu verdanken, dass der Saal entplompt wurde und im Pfarrheim die Religionsstunden stattfinden konnten, die in den Volksschulen nicht gehalten werden durften. Die Katholische Jugend von Stukenbrock aber hatte damit ihr Zuhause, ihr „Jugendhaus St. Michael“ verloren.
Im Jahre 1943 wurde in Bochum ein Waisenhaus wegen der immer größer werdenden Bombengefahr geräumt. Fünfzig Mädchen mit ihren Schwestern vom Orden der Vincentinerinnen fanden im Pfarrheim ein neues Zuhause, bis sie 1946 nach Bochum zurückkehren konnten. Nun wurde im Pfarrheim eine Schwesternstation eingerichtet, mit Kindergarten, Nähschule und ambulanter Krankenpflege. Das Heim beherbergte außerdem die Pfarrbücherei. Nach dem Zusammenbruch des sogenannten 3. Reiches konnte die Katholische Jugend, die wieder neu organisiert wurde, nur noch den Saal benutzen, aber auch nur dann, wenn die Stunden des Kindergartens beendet waren. Im Jahre 1956 wurden die Schwesternstation und der Kindergarten in die zum „Schwesternhaus St. Elisabeth“ umgebaute frühere Mädchenschule auf der Ottenheide verlegt. (Heute: „St. Elisabeth-Kindertagesstätte-Ottenheide) Die im Heim freigewordenen Räume wurden wegen der damals herrschenden Wohnungsnot vermietet. So stand weiterhin nur ein einziger Raum für die Jugendarbeit zur Verfügung (der jetzige kleine Saal), der auch noch mit anderen Vereinen wie Frauen- und Mütterverein, Kirchenchor und Hedwigskreis geteilt werden musste. Einmal wöchentlich diente der Saal als Übungsraum für die Musikkapelle. So war das Pfarrheim im wahrsten Sinne des Wortes ein „Haus der offenen Tür“. Der größte Wunsch der katholischen Jugend damals, dass ihr Haus wieder ihr „Jugendhaus St. Michael“ würde, ging nicht in Erfüllung.
Nach erfolgtem Umbau und Erweiterung in den Jahren 1977/78 mit einem Kostenaufwand von ca. 700.000,- DM, wovon die Kirchengemeinde ca. 132.000,- DM aufzubringen hatte, bot das Haus als sogenanntes „Pfarrzentrum“ neben der Jugendarbeit, den Vereinen der Pfarrgemeinde die Möglichkeit, reges Vereinsleben zu entwickeln. Nach Zerstörung durch einen Großbrand am 16. August 1999 wurde das Haus nach völliger Restaurierung am 7. Mai 2000 wieder eröffnet. Möge das Pfarr- und Jugendheim Stukenbrock noch viele weitere Jahre unter dem Schutz von „St. Michael“ die Stürme der Zeit überdauern.

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Datum: Mittwoch, 30. Juli 2008 17:41
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